Worum geht`s?:
Wir haben in Deutschland ein Gesundheitssystem, das von den Bürgern (bei einzelnen Ausnahmen) in Abhängigkeit von ihrem Einkommen jeden Monat einen bestimmten Betrag abfordert. Die so eingenommenen Gelder, die der Gesundheitsversorgung zur Verfügung stehen, sind daher kalkulierbar. Sie werden vorab auf die verschiedenen Akteure aufgeteilt und nach erbrachter Leistung an denjenigen gezahlt, der die Leistung erbracht hat. Dabei darf nicht jeder jede Leistung abrechnen.
So können beispielsweise Kliniken grundsätzlich keine ambulanten Leistungen in Rechnung stellen. Sie sollen allein die stationäre Versorgung in Deutschland gewährleisten, während die niedergelassenen Ärzte für die ambulante Versorgung zuständig sind.
Eine Zwitterstellung nehmen die Notaufnahmen ein. Sie sind zwar den Kliniken – also dem stationären – Bereich zugeordnet, bekommen jedoch auch dann eine Pauschale von etwas mehr als 30 €, wenn sie den Patienten nicht stationär aufnehmen. Diese Pauschale wird dem „Topf“ der niedergelassenen Ärzte entnommen, da es eigentlich deren Aufgabe wäre, Patienten zu behandeln, die ambulant versorgt werden können.
Die Behandlungszahlen in den Notaufnahmen nahmen in den letzten Jahren stetig zu. Dies betraf vor allem Fälle, die sich schließlich als nicht dringlich stationär behandlungsbedürftig herausstellten. Die Gründe dafür sind vielfältig. Sie reichen von Patienten, die einfach mal etwas mit der Voll-Ausstattung einer Notaufnahme abklären wollen, bis hin zur Verweigerung von ambulanten Leistungen durch niedergelassene Ärzte im Akutfall.
Durch die zunehmende Anzahl der ambulanten Behandlungen in den Notaufnahmen, steigt auch der Betrag, der von den Kliniken aus den „Töpfen“ der niedergelassenen Ärzte entnommen wird. Daran entbrennt sich derzeit ein Streit, bei dem einmal mehr der Patient am Ende der Verlierer sein soll!

Ein derzeitiger Lösungsansatz:
Die Kassenärztliche Vereinigung (KV), also die Vertretung der niedergelassenen Kassenärzte, will entweder in den Kliniken ambulante „Portalpraxen“ einrichten, die dann entscheiden sollen, ob der Patienten stationär oder ambulant zu versorgen ist, oder eine minimale sogenannte Sichtungsgebühr einführen, nach der ein Arzt in der Notaufnahme schnell entscheiden soll, ob ein wirklicher medizinischer Notfall vorliegt oder nicht.

Warum das für den Patienten nicht hinnehmbar ist:
Von Einzelfällen abgesehen gehen Patienten vor allem dann in die Notaufnahmen, wenn sie sich selbst als dringend behandlungsbedürftig ansehen und subjektiv das Gefühl haben, im ambulanten Bereich nicht ausreichend versorgt werden zu können.
Die Herausforderung ist also, die Patienten herauszufiltern, die schnell dringlich behandelt oder gar stationär aufgenommen werden müssen. Das muss so schnell und effektiv wie möglich geschehen.
Dass es dabei große Unterschiede zwischen den Patienten gibt – einige überängstlich sind und andere viel zu spät kommen –, liegt daran, dass ein medizinischer Laie nicht in der Lage ist, die eigene Situation zutreffend zu beurteilen. Es muss aber weiterhin dem Patienten freigestellt bleiben, an wen er sich wenden will. Immerhin ist er es, der mit seiner Gesundheit das alleinige Risiko trägt, wenn etwas schiefgeht.
Aber auch für Ärzte ist es immer wieder eine Herausforderung. Dem Patienten kann man ganz überwiegend noch nicht an der Nasenspitze ansehen, ob er eine schwer wiegende dringend behandlungsbedürftige Erkrankung hat oder nicht. Vielmehr ist eine genaue medizinische Prüfung erforderlich. Das kann bedeuten, dass beispielsweise ein Schlaganfall oder Herzinfarkt erst nach diversen – teils kostenintensiven – Untersuchungen ausgeschlossen werden kann. Auch der Ausschluss einer Eileiterschwangerschaft beispielsweise ist schwierig und muss daher mit besonderer Sorgfalt erfolgen, weil bei einer Fehldiagnose das Leben der Patientin in Gefahr sein kann.
Erhalten die Notaufnahmen für den Ausschluss schwer wiegender Erkrankungen noch weniger oder gar kein Geld mehr, wird sich der Druck auf die Ärzte der Notaufnahmen/Rettungsstellen weiter erhöhen, möglichst schnell Patienten wieder wegzuschicken oder gleich (viel teurer) stationär aufzunehmen. Weder das eine noch das andere ist im Interesse der Patienten.
Auch eine zwischengeschaltete Praxis ist beim Filtern der dringlich Behandlungsbedürftigen eher kontraproduktiv, denn dadurch wird die notwendige Behandlung weiter verzögert.
Es gibt gut funktionierende ambulante Versorgungseinrichtungen, die – wie eine Notaufnahme – neben einem qualifizierten interdisziplinären ärztlichen Team unverzüglich Laborwerte erheben und notwendige Bildaufnahmen veranlassen können. Diese jedoch zu finden, ist für einen betroffenen Patienten häufig Glückssache.
Die Rahmenbedingungen für das Etablieren einer qualitativ hochwertigen Akut- und Notfallversorgung sind sowohl im ambulanten als auch im stationären Bereich ungeeignet, die Situation für Patienten und Ärzte deutlich zu verbessern.
Es wird Zeit, dass die Diskussion darüber, wer, was, wann und wie machen darf und soll, endlich die Frage in den Mittelpunkt stellt, wie einem Patienten, der sich selbst als dringend behandlungsbedürftig empfindet, schnell, qualifiziert und nachhaltig gesundheitsfördernd geholfen werden kann.

Liebe Patientenvertreter, bitte schildern Sie uns Ihre Erfahrungen und Wünsche im Bereich der Akut- und Notfallversorgung (erfahrungen [at] stiftung-notfall.de).